Egoismus oder Treue?

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„Lena hatte genug von Sam, ihrem einjährigen Vizsla Rüden. Die Leinenführigkeit klappte nicht, sein Jagdtrieb war ausgeprägt und auch sonst schränkte sie der Hund mehr ein, als dass sie eine Freude in ihm erkennen konnte. So hatte sie sich das Leben mit Hund nicht vorgestellt. Lena meinte, klar, ein bisschen Erziehung muss schon sein, Sitz, Platz, Pfote aber dieser Hund sei einfach nicht erziehbar. Es würde doch auch bei allen anderen Leuten klappen, man geht in den Park, löst die Leine und spaziert seelenfriedlich durch die Welt. Lena hing meist beim Gassi an ihrem Handy und als dann der neue Freund und die neue Wohnung kam, passte der Hund nicht mehr. Sam musste „schweren Herzens“ weg. Da Lena auf die schnelle niemand finden konnte, brachte sie ihn ins Tierheim, das Leben mit Sam ging einfach nicht mehr…“

Die Frage, die ich mir an dieser Stelle immer wieder stelle ist, was denkt und fühlt ein Hund wie Sam, wenn ihm so etwas widerfährt? Ist Sam traurig? Wenn ja, wie lange? Vermisst er seine Besitzerin? Oder gibt er sich mit seiner Situation ab, gewöhnt sich an die Neue, denn Hauptsache es gibt etwas zu fressen, Aufmerksamkeit und Gassi?

Ist es moralisch überhaupt vertretbar seinen Hund abzugeben, weil Lebensumstände sich ändern? Ich meine, das hat man sich doch eigentlich mal vorher zu überlegen?! Und wenn ich umziehe, dann suche ich mir doch eine Wohnung, in der Hunde erlaubt sind, oder nicht? Und wenn mein neuer Freund keine Hunde mag, dann wird es nicht lange mein neuer Freund bleiben, richtig? Und wenn ich ein Kind bekomme, dann integriere ich den Hund, denn auch das wusste ich ja vorher, oder?

Es ist wirklich erstaunlich, dass viele Menschen nicht so denken. Für viele Menschen ist ein Hund eben ein Hund. Der Hund braucht einen Regenmantel? Quatsch. Ist doch ein Hund. Der Hund braucht ein gemütliches, warmes Körbchen? Schwachsinn, Decke langt, ist doch ein Hund. Teures, artgerechtes Futter? Ich kauf mir lieber Schuhe, ist doch nur ein Hund. Von Kosten für den Tierarzt, regelmäßige Checks oder wissenschaftlich fundiertes Hundetraining will ich hier gar nicht anfangen. Die Antwort ist immer dieselbe.

Da mir ein Hund die Frage nicht beantworten kann, wie er sich fühlt oder was er für einen „Schaden“ von so einem Menschen davon trägt, möchte ich gerne die Menschen fragen:
Wie lebst Du denn sonst so dein Leben? Was bedeutet für Dich Verantwortung? Kannst Du morgens noch in den Spiegel schauen, wenn du in einsamen Momenten mal deine Ausreden für Deine Entscheidungen abgelegt hast? Wieso gehst Du so mit einem Lebewesen um? Ist es für Dich weniger wert?

Ich glaube, hoffe, dass die Hunde, die von diesen Menschen weggegeben werden, froh sind, die Chance zu bekommen, einen vielleicht besseren Weg gehen zu dürfen.

„Dass mir der Hund das Liebste ist, sagst Du oh Mensch sei Sünde, doch der Hund bleibt mir im Sturme treu, der Mensch nicht mal im Winde.“

 

Die Hundetrainerin
Nathalie Örlecke

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Hundetraining Nathalie

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9 Gedanken zu „Egoismus oder Treue?

  1. Schöner Artikel. Ich denke, dass man sich auch vorher klar darüber sein sollte, welche Rasse, welche Eigenschaften mit sich bringt. Vielleicht hätte in Lenas Fall ein Chihuahua oder ein Mops besser gepasst? Der NEUE Freund hat den „alten“ Hund zu akzeptieren ansonsten kann er gehen 😉 Und wenn ich mir eine neue Wohnung suche, dann nur mit Hund. Ich bin nicht Grundsätzlich dagegen, wenn jemand sagt ich muss meinen Hund abgeben, immerhin kann das ja auch gesundheitliche Gründe haben oder was auch immer. Aber einen Hund wegzugeben, weil er nicht „erziehbar“ ist oder einfach nicht mehr ins „neue“ Leben passt ist für mich einfach unverständlich….

  2. Als neuer Freund wäre ich vorsichtig – wer einen Hund so einfach weggibt, gibt vielleicht auch einen Freund wieder weg, wenn er nicht merh ins Leben passt.

    Einen viel treueren Begleiter als einen Hund ist schwer vorstellbar, und jemand der einen Hund hatte und dann weggibt, hat das wohl nicht verstanden.

    Katzen sind auch treu, aber auf andere Art. Auch Katze weggeben ist ein Verrat am Tier. Ausser die Umstände lassen wirklich keine andere Wahl, das gibt es auch.

  3. Genau so einen Hund habe ich jetzt als „Notfellchen“ zu Hause. Parsons-Jagdterriermischling und wir sind mindestens die vierte Familie die der arme Kerl in seinen 19 Monaten Lebenszeit schon verkraften musste. Er kennt nichts, keiner ist mal mit ihm zum Tierarzt gegangen, denn dann hätte man festgestellt, das er eine beidseitige schwere Ohrenentzündung hat und nichts mehr hört. Nun heißt es natürlich für Jeremy, das er erstmal das kleine Hundeeinmaleins lernen muss, und das ist nicht so einfach für ihn. Ich werde sie nie verstehen, die Menschen die sich aus einer Laune heraus ein Tier kaufen, sich dann nicht darum kümmern und es dann einfach an irgendjemand weitergeben wenn sie keine Lust mehr haben. Diesen Menschen würde ich wünschen, das ihnen einmal im Leben das gleiche widerfährt.

  4. Ich glaube, die Leute machen sich schon Gedanken darum, welche Verantwortung auf sie zu kommt. Wenn es dann aber so weit ist, dann ist doch alles anders als geplant. So war es auch bei unserer Ersthündin. Alle (außer mir) wollten einen Hund und Trixi zog bei uns ein. 8-11 Monate wurde sie geschätzt und sie wurde genau an Silvester im Tierheim abgegeben. Wahrscheinlich, weil die Leute feiern wollten und Trixi Angst vor lauten Geräuschen hat. Silvester, hilft bei uns nur Beruhigungsmittel, um sie etwas runter zu holen. Und einen Dickschädel hat die, oh mein Gott.
    Auch ich, habe im ersten Jahr oft im Wohnzimmer gesessen, geweint und mich immer wieder gefragt, warum dieser schwer erziehbare Hund ausgerechnet bei uns leben muss. Jetzt, 5 Jahre später, sind wir zusammen gewachsen und sie macht mehr Freude als Ärgernisse. Bis dahin, habe ich viele tiefe Täler durchwandert, aber nicht aufgegeben. Das kann halt nicht jeder.
    Ich denke, das viele einfach nicht die Geduld haben. Ist doch in der Ehe genau so. gibt es Probleme, wird gleich geschieden. In der schnelllebigen Welt von heute muss alles sofort passen. egal, ob Tier, oder Partner, Und wenn nicht, dann trennt man sich halt.

  5. Wir haben zwei Hunde aus dem Tierschutz übernommen mit dem derzeitigen Wissen, daß wir eine angemesene Erziehung walten lassen können, daß wir genug finanzielle Mittel haben um Futter und Tierarztkosten zu tragen. Unser bisheriges Leben gestaltet sich so, daß wir auch den Tieren genug Platz, Zeit und Auslauf bieten können. Hoffentlich bleibt es auch dabei.
    Manchmal im Leben kommt es jedoch anders als geplant und gedacht. Arbeitslosigkeit, Krankheit und/oder Schicksalsschläge lassen sich nun einmal nicht vorausplanen .

    Gibt es einen Umstand bei dem es nicht mehr verantwortungsvoll wäre die Hunde zu behalten so würden wir uns bemühen ein neues und anständiges Zuhause zu finden. Wir wären unsäglich traurig aber manchmal muss es dann eben sein. Egoismus ist da ganz fehl am Platze und ab und an sollte anderen Menschen kein schlechtes Gewissen gemacht werden wenn sie ihr Tier abgeben und wenn es es einfach so mal weggeben weil sie keinen Bock mehr drauf haben, so ist es für das Tier ebenfalls das Beste. Diese Leute haben dann das Tier nicht verdient.

  6. Ein toller Artikel, der mich sehr bewegt…

    Ich glaube dass es viele Arten des Egoismus gegenüber des Hundes gibt..

    Manche können ihm nicht bieten was er braucht.. Manche Menschen holen sich einen Hund um ihr Bedürfnisse nach Nähe und Liebe im hier und jetzt zu stillen und denken nicht an morgen.. Wieder andere lassen ihren Hund unnötig leiden, anstatt ihn davon zu Erlösen. Für mich persönlich ist es der Gipfel von menschlichem Egoismus.

    Was wir nur nicht vergessen dürfen, ist dass alles im Leben einen Sinn hat und seine Lektionen mit sich bringt. Jeder von uns tut Dinge, die für andere nicht nachvollziehbar sind. Weil man nie in einem Menschen drin steckt.

    Dieser Artikel rührt mich wirklich zu Tränen und ich wünsche jedem Hund ein zuhause was er verdient hat ❤ Eins wo er bedingungslose Liebe erfahren darf und uns zeigen kann was leben und lieben heißt!

    Lieben dank für diesen Artikel!!! ❤

  7. Ich werde solche Leute nie verstehen. Ich weigere mich, es auch nur einen Augenblick zu versuchen. Ich glaube nicht, dass solche Leute jemals wirklich Werte wie Treue, Liebe, Vertrauen kennenlernen werden, geschweige denn zu schätzen wissen. Ich will auch nicht wirklich wissen, wie solche Leute mit ihren Kindern, sofern sie welche haben, umgehen. Ich wünschte mir, solche Leute würden einfach verschwinden – und nur die übrig bleiben, die jede Kreatur als das zu schätzen wissen, was sie ist: Leben!

    Bevor ich meine beiden Hunde freiwillig oder aufgrund solch „niedriger Beweggründe“ weggebe, lasse ich mir lieber beide Eier abschneiden. Sorry, isso.

  8. Ich habe hier auch so einen Kandidaten. Ich habe ihn übernommen als er 8 Monate jung war und bin die 4. Oder 5. Besitzerin. Die Leute, die ihn mir verkauft haben hatten ihn eine ganze Woche und angeblich gerettet.
    Er wird dieses Jahr 5 Jahre alt. Er ist anstrengend, nicht besonders hübsch und ist kein Hund, den ich unbedingt haben wollte. Ein Dackel-Schäferhund-keineahnung-Verschnitt mit rauem, hartem Fell. Ich mag Schöne Hunde mit längerem, weichem Fell. Aber er hatte es mir angetan. Es war viel und ist sehr viel Arbeit mit ihm aber gerade deswegen gebe ich ihn nicht mehr ab. Er ist mein Kumpel auch wenn oder gerade weil er so ein Lotzi ist 😉

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