Der Zweithund

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„Bring mich nicht in Versuchung“ war ein Satz den ich heute zum Thema Zweithund gelesen habe. Ich werde es versuchen 😉 Zuallererst möchte ich sofort all die an den Ohren ziehen, die sagten: „Ein Zweithund ist so easy, wenn der erste Hund gut erzogen und im richtigen Alter ist, läuft das von ganz alleine, der Große erzieht den Kleinen.“ Da hat jemand leider nur die halbe Wahrheit erzählt!

Ich glaube ein Hund ist total toll wenn man sich auf ihn einstellen kann. Da Tequila von heute auf morgen kam, wollte ich natürlich beim Zweithund alles perfekt planen. So suchte ich seit Februar 2011 alle überirdisch tollen Züchter von Rhodesien Ridgebacks zusammen, denn es sollte ein wahnsinnig schöner und gesunder Rassehund werden, so ein Goldstück, eine Schönheit, eine Prinzessin. Ich plante genau was im Frühjahr 2012 auf mich zukommt, nämlich ein zauberhaft hübsches Rhodesian Mädchen, möglichst mit sturem Kopf und hinreißendem Charakter. Sie sollte eine neue Herausforderung sein, wild, ungezügelt, lernunwillig.

Ich besprach mich mit Züchtern, Tequila noch ein Jahr Pause zu geben und aufgrund seines Alters erst 2012 eine „Schwester“ ins Rudel zu holen. Dann würde er mit vier Jahren genau im richtigen Alter sein. Heute nehme ich folgenden Satz sehr ernst: „Sei vorsichtig mit deinen Wünschen die Du ans Universum schickst.“

Die Worte im Sommer 2011, mitten in meiner Frühjahr 2012 Planung, hallen noch heute nach: „Wir haben einen Welpen und wissen nicht wohin.“ Fünf Minuten später sprang ein kleines, wildgewordenes Fellmonster in meine Arme. Sie sprang so überzeugend, dass sie ganz sicher gedacht haben muss: „Na endlich, da bist Du ja, wieso hat das so lange gedauert, komm gehen wir, ich will meinen Bruder kennenlernen…“  Mit den Worten: „Ich nehme sie, aber sie kann auf keinen Fall bleiben“ zog also Mausi bei uns ein. Mausi nannte ich sie, weil ich ihr keinen Namen geben wollte und weil Mausi ein gängiger Kosename in meinem Umfeld ist. Ich fand Mausi natürlich schrecklich toll. Nur Tequila fand die Idee, einen überfreundlichen Wirbelwind bei uns aufzunehmen, sagen wir mal, unangebracht. Er ignorierte Mausi zwei Tage lang. Und mit ignorieren meine ich auch ignorieren! Natürlich passte der sehr aufgeschlossene, menschenfreundliche, naive Charakter von Mausi so überhaupt nicht zu Tequila, dem mürrischen, scharfsinnigen und von sich selbst überzeugtem Ridgeback. Ich hätte es mir auch denken können dass er sich Zeit lässt, war ja mit der Erziehung nicht anders. Wir erinnern uns, Tequila hat mich durch wirklich sehr viele Kapitel der Hundeerziehung gebracht. Aber man lernt ja nie aus und deshalb hat mir der liebe Gott natürlich Sunny geschickt, denn auch hier erinnern wir uns an meinen Wunsch: „Sie sollte eine neue Herausforderung sein, wild, ungezügelt, lernunwillig…“ Ja genau. Vielen Dank.

Nach ein paar Tagen war klar, Mausi bleibt und heißt Sunny. Sunny deshalb, weil ich, seit sie da ist, kein Morgenmuffel mehr bin. Das ist bis heute geblieben. Sobald ich meine Augen öffne, kommt sie mit schlangenartigen Hüpfbewegungen gen Bett, schleckt übers Gesicht, wedelt wie wild mit dem Schwanz als wollte sie sagen: „Hey looohoooos, aufstehen, es wartet ein neuer toller Tag voller Abenteuer, Aufregung und Futter.“ Sunny bewegt sich immer so. Sobald sie aus dem Schlaf erwacht, ist sie voll da – auf fünf Millionen. Ich bin wirklich froh dass Hunde über 14 Stunden am Tag schlafen. Sunny führt mich durch alle Hundeerziehungskapitel, die Tequila ausgelassen hat. By the way, wenn das meine Nachbarin liest, muss sie sicher kopfnickend lachen 😉

Wenn ich heute teilweise die Probleme von Welpenbesitzern höre, sacke ich im Stuhl erbärmlich lachend zusammen und flüstere: „Oh ja, ich weiß so genau was sie meinen, bei mir ist nämlich vor einem halben Jahr der Teufel persönlich eingezogen.“ Heute rief ein Kunde an uns sagte: „Hallo, wir brauchen eine Hundetrainerin denn bei uns wohnt Marley Teil 2 (Marley und ich, das war ein Kinofilm über einen unerzogenen Hund). Nur Marley 2? Bei mir wohnt Marley Teil 1, 2, 3, 4 und 5. Sunny räumt nicht nur den Tisch ab, nein, sie klaut auch Weihnachtskuchen aus der letzten Ecke vom Küchenschrank. Wenn sie nicht an ihre Ware kommt, dann springt sie hoch und räumt mit ihrer Pfote einfach alles ab, am Boden kann man schließlich viel besser aussortieren. Am liebsten hat sie meine Hundetrainerkiste. Die eigenen Sachen sind ja uninteressant, lieber die Kiste von Frauchen in der ganzen Wohnung verteilen und in Ruhe alles ausprobieren. Die Leckerlies werden selbstverständlich alle sofort vernichtet. Und wenn man vor einem Geschäft angebunden wird, dann muss man definitiv so laut brüllen, schreien und gegen die Tür des Geschäfts springen, bis auf jeden Fall auch irgendwann jeder weiß, was für eine Rabenmutter dieser Hund wohl haben muss.

An dieser Stelle muss ich nun etwas klar stellen, bevor ich wieder höre: „Und das schreibt eine Hundetrainerin.“ Sunny zu erziehen ist wie mit dem Teufel einen Pakt zu schließen, das ist wirklich kein Witz! Ich vertrete deshalb in einigen Dingen die Ansicht: Lassen wir sie mal bis sie erwachsen ist. Ich schimpfe, fluche, werfe NEINs und FEINs um mich, das war`s aber auch. Ich brachte ihr lediglich die Grunddinge bei: Sitz, Platz, geh auf deine Decke, Hier, Nein, Stop, Pfote, Männchen, hol den Teddy, Such!, Servus, Bellen auf Kommando, hopp und runter. Das war`s. Mittlerweile ist es mir egal was sie an der Leine treibt, solange sie mir nicht den Arm auskugelt und zieht wie ein Stier. Die wenigen Regeln, die ich aufgestellt habe, reichen, um ein akzeptables Leben zu führen: Bettverbot, Tequila nicht terrorisieren, nicht bellen, keine Leute anspringen, alleine bleiben und auf deinem Platz liegen und schlafen. Wenn dabei mal ein Kuchen der Oma drauf geht – so what. Und die Hundetrainerkiste wieder einräumen bringt schließlich Ordnung. Man muss es einfach nur von der anderen Seite sehen. Eine goldene Regel in der Hundeerziehung: Wenn`s zum Heulen nicht reicht, lachen 😉

Wie war das mit: Der Zweithund lernt vom ersten? Ok, Sitz und Platz hat sie sich toll abgeschaut denn natürlich trainiert man ja nicht nur mit einem sondern gleich mit beiden Hunden. Tequila fand sich dann aufgrund der täglichen Leckerliezufuhr auch einigermaßen mit der neuen Situation ab. Drinnen mäßig toll und draußen gab`s für die Kleine so richtig Prügel. Kaum waren beide im Freilauf, schnappte er sich das hyperaktive Ding und schleuderte sie durch die Gegend. Sunny hat ihm dafür regelmäßig auf seinen Platz gepinkelt, Gerechtigkeit herrscht also auch zwischen Hunden.
Tequila hat ihr auch gezeigt wie toll Menschensch*** ist. Tequila hat ihr gezeigt dass man aus dem „10m außerhalb der Sichweite Radius“ rennen kann und die Menschen auf jeden Fall warten. Tequila, der ohne Leine geht, rennt auch immer drei Meter voraus damit das zerrende Reh an der Leine auf jeden Fall hinterher springen will. Ohne Tequila geht sowieso nichts. Andere Hunde sind nur cool, wenn Tequila dabei ist und mit dem wird sowieso am liebsten gespielt. Gehen wir gemeinsam raus und Tequila ist außerhalb der Sichtweite, dann macht Sunny kein Geschäft. Erst wenn er wieder da ist, wird sich aufs Wesentliche konzentriert. Wenn Tequila schläft, schläft Sunny auch. Wenn er frisst, will sie auch fressen. Tequila ist Sunnys Welt geworden und ich bin definitiv die zweite Wahl. Ich möchte das auch nicht ändern und weiß auch nicht ob ich das könnte. Sie liebt ihn. Sie putzt seine Ohren, sein Gesicht, sie sorgt sich um ihn, sie hält ihn warm, sie bringt ihm gute Laune und seit einiger Zeit ist er so entspannt wie noch nie.

Am Anfang hat Tequila sie ignoriert, dann schikaniert, dann hat er all seinen Gehorsam vergessen und wollte uns partout klar machen, dass Sunny wirklich nicht erwünscht ist. Wenn wir dachten, toll, die kuscheln, so war das wahrscheinlich eher ein: „Und, seid ihr jetzt zufrieden, geht die jetzt endlich wieder?“ Das ging von Ende Juli bis Ende November so. Zwischenzeitlich wollte ich Sunny schon zweimal abgeben. Irgendwann hat sich Tequila wohl erbarmt, ich ging mit ihm alleine spazieren und er war nicht mehr so freudig wie sonst wenn ich mit ihm alleine unterwegs war. Mit Sunny zusammen war das anders, immer gute Laune, spielen, lachen. Aber das dauerte und kostete viele Nerven. Man kann eben mit der besten Erziehung ein Lebewesen nicht dazu zwingen, ein anderes zu akzeptieren. Es hat mich wirklich oft an den Rand der Traurigkeit getrieben denn natürlich wollte ich ja nur das Beste. Aber was das Beste ist, hat Frauchen nun mal nicht zu entscheiden. Gut, dass er sich doch noch um entschieden hat. Mittlerweile ist er auch als Trainingshund eine mega Partie. Sunny gibt Tequila genau das Selbstvertrauen, was man mit der besten Erziehung nicht erreichen kann wenn ein Hund unsicher ist. Insofern war Sunny eine gute Therapie – allerdings brauchte sie lange um anzuschlagen.

Und was ist mit mir? Weg war er, der Wunschhund. Da war er, der Teufel persönlich. Ein kleiner, schwarzer Labrador Mix – alles, was ich definitiv nicht wollte. Ein bisschen habe ich meiner kleinen Rhodesian Dame ja schon hinterher geweint… Inzwischen habe ich mich damit abgefunden. Sunny kam, sprang und siegte. Was ist dagegen schon einzuwenden?

Wenn man mich zu dem Thema Zweithund fragt, dann kann ich nur sagen, dass es nicht planbar ist. Man kann den ersten Hund nicht fragen: „Na, und, wie siehst du das so?“ Jeder denkt, ein Hund wünscht sich einen Spielkameraden, noch einen zweiten seiner Rasse. Ich kann das nicht unterschreiben. Einige Hunde sind gerne Einzelhund. Man sollte da also zweimal hinschauen bevor man sich von vermenschlichenden Gedanken einholen lässt. Ebenso macht es am Anfang sehr wohl doppelt Arbeit. Der neue Hund will erzogen werden, braucht Aufmerksamkeit, will auch mal alleine Gassi gehen, denn Welpe und erzogener Hund haben unterschiedliche Ansprüche. Ich finde mittlerweile, man sollte nicht zu lange mit einem Zweithund warten. Hat man die eine Katastrophe durch, ab zur nächsten 😉 Ich beobachte dass der Trend ganz klar zum Zweithund geht und hat man das erste halbe Jahr durch, ist alles genauso einfach wie mit einem Hund. Dennoch sind zwei Hunde wirklich etwas anderes. Dauernd muss einer zum Tierarzt, die Charaktere unterscheiden sich, jeder hat andere Ansprüche. Es ist falsch zu denken, wie der eine, so der andere.

Mittlerweile, nach Sunnys erster Läufigkeit, lache ich über all die letzten Monate. Mittlerweile ist es easy und die Missgeschicke egal geworden. So langsam kann ich mich dran machen, sie zur Perfektion zu erziehen. Mittlerweile ist es ein Segen zwei Hunde zu haben. Tequila hatte immer Angst im Kofferraum des Autos, stand aufrecht, hechelte und sabberte was das Zeug hielt. Seit Sunny da ist, ist er tiefenentspannt, egal ob sie mitfährt oder nicht. Er hat sie die ganze Läufigkeit über beschützt, wollte ein Rüde zu nah ran, gab`s milden Ärger. Inzwischen managen die zwei ihren Alltag fast alleine. Frauchen ist lediglich noch für Gassi, Futter und Teddy werfen zuständig. Kuscheleinheiten, Bespaßung und Beschäftigung regeln beide untereinander. Irgendwas muss in all der Höllenzeit also richtig gelaufen sein, sonst würden hier bei mir nicht solch zwei tiefenentspannte Hunde liegen für die ich weniger Zeit aufbringen muss als für einen alleine.

Und irgendwie war es wohl so gewollt.

Die Hundetrainerin
089dogs Hundetraining

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5 Gedanken zu „Der Zweithund

  1. Wieder einmal ein toller Artikel, bei dem ich an einigen Stellen schmunzeln musste, errinert mich deine Sunny doch etwas an meinen kleinen Wirbelwind. Auch bei uns wird schon über einen Zweithund nachgedacht und dieser soll auch definitiv kommen, die Frage ist nur wann und was 😉

    Ich finde es toll, dass du Sunny behalten hast und denke, dass du in Zukunft viel Freue mit Ihr haben wirst .
    Ich wünsche dir und deinem Rudel ganz viel Glück für die Zukunft:)

  2. Grins … sehr schön geschrieben – besonders der Satz:—„“An dieser Stelle muss ich nun etwas klar stellen, bevor ich wieder höre: „Und das schreibt eine Hundetrainerin.““— gefällt mir besonders gut, denn den höre ich auch desöfteren mal. Ich wünsche dir noch viel Spaß mit deinem Duo – ich habe ja auch 2 Damen (Sally mittlerweile 12,5 und Leni , eine GSS-Dame von 2,5 Jahren) und auch hier hat es gedauert bis wir 3 ein funktionierendes Team waren – aber jetzt? Ich möchte es nicht mehr missen mit 2 Hunden zu leben!
    Verena

  3. Toll geschrieben und ich erkenne soviele Sachen wieder!!! :-))
    Bei uns lebte 11 tolle Jahre lang eine Kangal-Mixhündin, unsere türkische Prinzessin.
    Sie kam damals als Zweithund zu uns, zu einer 7 jährigen Schäfermixhündin und die beiden haben sich wirklich vom ersten Tag an geliebt!
    Als Triene aber dann über die Regenbogenbrücke gehen mußte, war mir schnell klar, Prinzessin Sienna ist eher ein Einzelhund.
    Der erste meines Lebens, ich hatte imme 2 Hunde, aber bei ihr war nach jedem Besuch ihrer Hundefreunde klar, daß sie dachte: „war schön, daß ihr da wart, ist aber auch schön, wenn ihr wieder weg seid und ich meine Menschen und mein Revier für mich alleine habe.“
    Nun mußte sie leider letztes Jahr auch über den Regenbogen gehen und es ergab sich innerhalb kürzester Zeit unser neues Rudel: ein ungarischer Dackel-Mix, eine dreibeinige, italienische Labrador-Mixhündin und eine ehemalige Blindenführhündin, auch eine blonde Labradorhündin.
    Die drei sind ein tolles Team, aber auch so unterschiedlich wie Tag & Nacht. Sie haben sich meistens sehr lieb, aber manchmal gibt´s auch richtig Ärger im Rudel, weil bei unserer Kleinen auch die Pubertät voll zuschlägt.
    Aber es klappt und ich bin sehr froh, wieder ein Rudel zu haben, auch wenn ich meine Prinzessin immer noch furchtbar vermisse….

  4. Jaaaa, wo einer ist haben zwei Platz, wo zwei sind ist ein dritter nicht weit…..
    Ich habe mit 13 Jahren meinen ersten eigenen Hund bekommen, den zweiten mit 17 und den dritten hab ich vor dem Tierheim bewahrt als ich 18 war. Glücklicherweise hab ich mit 19 einen Mann kennen gelernt, der genauso verrückt ist wie ich und wir hatten immer ein kleines Rudel von 3 bis 5 „second Hand-Hunden“. Was Du hier beschreibst kenn ich nur zu gut.
    Es ist erfrischend zu hören, daß Hundetrainer die gleichen Probleme haben wie wir „Halbwissende“ 😉
    LG Manu

  5. Da fällt mir ein toller Spruch ein:
    Man bekommt nicht den Hund den man will, sondern den Hund den man braucht.

    Bei mir war es aber tatsächlich so dass mein Rüde meine Hündin miterzogen hat. Sie hat sich alles von ihm abgehackt sogar das Kommen war kein Problem.
    Die beiden lieben sich auch und sind unzertrennlich. Wenn einer mal zuhause bleibt, weil der andere zum Dok muss oder der Rüde mal ne extra Runde braucht (die beiden sind vom Temperament und generell sehr unterschiedlich) begrüßen die Hunde sich erst untereinander und dann bin ich mal dran 😁
    Ich könnte auch noch mehr Hunde haben, ich finde es einfach toll

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