Liebe, Lob und Strafe in der Hundeerziehung

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Ich bin eine Hundetrainerin, die mit positiver Bestärkung arbeitet. Und Konsequenz. Auch mit Zwang. Und mit Bestrafung.

Wollen wir die einzelnen Wörter kurz erläutern bevor mir der Kopf abgerissen wird und Wutbriefe mich erreichen 😉 :

Positive Bestärkung: Man lehrt den Hund auf freundliche und sanfte Art, dass es sich lohnt, das vom Menschen Gewünschte zu tun.

Konsequenz: „Umgangssprachlich beschreibt „konsequent“ u.a. die Zielstrebigkeit des Handelns einer Person, ein gegenteiliges Verhaltensmuster würde dann „inkonsequent“ genannt, etwa, wenn eine angekündigte Handlung unterlassen wird“ (Wikipedia). Was mit Konsequenz nicht gemeint ist, zumindest nicht in der Hundeerziehung, ist eine Bestrafung.

Zwang: „Die nachdrückliche Beeinflussung der Entscheidungs- und Handlungsfreiheit durch verschiedene Einflüsse“ (Wikipedia). Wenn mein Hund am Esstisch steht und unbedingt etwas abbekommen möchte, ich ihn aber dann gegen seinen Willen auf seinen Platz schicke und ihn anweise, auch dort zu bleiben, ist das Zwang. Wenn mein Hund an der Leine gehen muss und sich nicht frei bewegen kann, wie er will, ist das Zwang. Wenn ich meinem Hund etwas gegen seinen Willen verbiete, dann zwinge ich ihn gegen seinen Willen etwas anderes zu tun.

Bestrafung: „Die Strafe ist eine Sanktion  gegenüber einem bestimmten Verhalten, das in der Regel vom Erziehenden oder Vorgesetzten als Unrecht  bzw. als (in der Situation) unangemessen qualifiziert wird.“ (Wikipedia) Wenn mein Hund also weiß, er darf nichts in Büschen fressen, ich ihn erwische, dann gibt es statt positiver Bestärkung eine Strafe, z.B. entziehe ich ihm Freiheit indem er den Rest des Weges an der Leine läuft (ach und glauben Sie mir mal, ist man schnell und flink, kommentarlos und überzeugend, kapiert der Hund das MIT SICHERHEIT)

Jetzt hätten wir geklärt, aus welchen Teilen eine normale Hundeerziehung besteht. Und hier gelangen wir zu einem großen Problem. Die meisten Hundetrainer versprechen Wattebauschtechnik, verwenden das Wort positive Bestärkung bloß aus marketingtechnischen Gründen oder verhöhnen alles, was negativ auf den Hund einwirken könnte. Ein bekannter Hundetrainer hat mal zu mir gesagt: Hundeerziehung ist intuitiv. Genau. So sehe ich das auch. Zwickt mein Hund mich beim Leckerli nehmen aus Gier in den Finger, bekommt er intuitiv eine Watschen. So einfach ist das. Oder eben auch nicht.

Die meisten Hundehalter lassen sich von ihrem Hund rumzerren, das ist die wahre Pracht. Das fängt an der Haustür schon an, Haustür auf – die Plätze fertig los. Da geht’s von einem Baum zum nächsten, Nachbars Lumpi wird ordentlich zusammengefaltet und das Zeitungslesen dauert länger als bei uns Menschen. Ich nehme meine Kunden dann meistens an der Hand und sage ihnen: „Stellen Sie sich vor, ich wäre ihre beste Freundin und wir gehen durch eine schöne Einkaufsstrasse.“ Dann laufe ich meinen Kunden vor die Füße, rempel sie an und zerre sie euphorisch von einem zum anderen Schaufenster. Dann frage ich Sie, wie sie jetzt ihrer Freundin gegenüber reagieren würden. Die Antwort ist immer dieselbe: Empörung und die Frage, ob die Freundin noch alle Latten am Zaun hat. Und dann frage ich meine Kunden: „Und wieso fragen sie das nicht mal ihren Hund?“ Schweigen. Wieso um alles in der Welt darf das vierbeinige Zottelvieh sich so viel rausnehmen? Wenn wir unserem Besuch einen Teller voll Essen vor die Nase stellen, und dieser würde sich gierig darüber her machen, dann fänden wir das sicher ziemlich unerzogen. Beim Hund ist das ok. Überhaupt gestatten die meisten Hundehalter ihrem Hund so viele Unarten dass man grün-graue Haare bekommt.

Ich persönlich halte von überaus zwanghaften Mitteln in der Hundeerziehung nicht sehr viel und setze sie deshalb auch nicht ein. Dazu zählt neben einem Würgehalsband auch das Halti. Zur Erklärung: Ein Halti ist ein Halfter für Hunde, so wie man es auch von Pferden kennt. Der Hund wird in seinem Bewegungsablauf enorm eingeschränkt weil man ihn eben fast nur noch über den Kopf führt. Ein Halti ist grundsätzlich mal nichts schlimmes, vorausgesetzt, es wird richtig verwendet, jedoch baut es weder Bindung zwischen Hund und Halter auf, noch bringt es den Halter dazu, sich vernünftig mit seinem Hund auseinander zu setzen. Nein, dann wird das Halti natürlich auch beim Fahrrad fahren eingesetzt und überhaupt ist man der Held weil der Hund leichtführiger ist. Was man auf der einen Seite meint gut zu machen, macht auf der anderen Seite einiges kaputt. Denn sind wir ehrlich, leinenUNführige Hunde sind entweder sehr jung und haben andere Dinge im Kopf oder schlichtweg falsch erzogen. Ein Halti ist ein rein technisches Gerät was in der wahren Hundeerziehung nicht verloren hat, auch nicht wenn ich 45kg wiege und mein Hund 50kg, das wusste man schließlich vorher. Die meisten Hunde mögen es sowieso nicht und werden damit beschäftigt sein, sich des doofen Dings auf der Nase zu entledigen. Das ist seeehr vorteilhaft für den weiteren Erziehungsweg 😉 Wer mit Köpfchen arbeitet, braucht kein Halti, aber Köpfchen haben sowieso die meisten Hundetrainer NICHT.

Zurück zu Positiver Bestärkung. Mich rufen Interessenten an, die als erstes in den Raum stellen, dass sie gegen alles sind, was den Hund zwingt etwas zu tun. Schweigen meinerseits ist die Antwort. Ich würde dann gerne so viele Dinge sagen… Aber die wären nicht förderlich für ein gewaltfreies Telefonat. Stattdessen kostet genau in diesem Moment meine Trainingsstunde das Doppelte, mein Terminkalender ist voll und ich verweise auf Kollegen die ich eh nicht leiden kann und die mit Sicherheit ein Halti einsetzen *haha* 😉 Die Erfahrung zeigt, mit solchen Leuten hat man nur Ärger. Läuft mir beispielsweise ein Hund vor die Füße, laufe ich durch ihn durch. Treffen meine Fußunterseite und seine Pfotenoberseite sich rein zufällig, tja. Was soll ich sagen? Mir läuft der Hund nicht mehr vor die Füße, aber seiner Besitzerin, die noch 100 Mal um den Hund herum läuft, schon. Schön sind auch die Hunde, die sich an ihre Besitzer anlehnen. Nein meine Lieben, das ist nicht kuschelig schön sondern absolute Kontrolle. Der Hund kann sich mit seiner ganzen Umwelt auseinandersetzen und bekommt außerdem noch mit, wenn wir los gehen. Geschickt, nicht? Von mir bekommt der Hund einen leichten Rempler, von der Besitzerin bekomme ich einen pikierten Blick. Es gibt tausend Themen in denen positive Bestärkung erst im zweiten Step etwas zu suchen hat. Rempel ich den Hund also an und er stellt sich im nächsten Moment ordentlich hin, bekommt er ein Lob. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht erklären, wieso Hundeerziehung nur positiv für den Hund und negativ für den Menschen sein soll. Wenn ich meinem Hund zuflüstere dass ich ihn ins Tierheim stecke, sollte er noch mal so einen Scheiß machen, dann ist das total legitim wenn ich es in dem Moment so fühle. Zerrt mein Hund plötzlich an der Leine los, zerre ich zurück. Genauso großzügig bin ich auch. Bleibt mein Hund fein bei „Stop“ stehen, bekommt er ein großes Lob. Aber das eine ohne das andere funktioniert meistens nicht. Ich schließe wie immer die Hunde aus, die einfach zu erziehen sind weil… warum auch immer.

Man muss auch immer festhalten, von welcher Art Erziehung man spricht. Wenn es um aggressives Hundeverhalten geht, muss man ganz klar differenzieren. Was geht vom Menschen aus, was vom Hund, was gehört zum Hundecharakter und was ist Unwissenheit seitens des Hundes. Ein böser Hund hat entweder ein Problem oder es nicht anders gelernt. Beides rechtfertigt nicht, dem Hund noch eins drauf zu geben oder zu unterdrücken. Niemals würde ich einen Hund auf den Rücken schmeißen und auf ihn schmeißen, niemals würde ich einen Hund ins „Platz“ zwingen. Einen Hund mit Problemen, zwingen „Platz zu machen“, geht absolut gegen mich. Wir Menschen sind nicht dazu da, unseren Hund zu unterdrücken aber sehr wohl um ihm klar zu machen, was geht und was nicht und das nicht nur mit dem Würstelbeutel.

„Gutes Verhalten wird belohnt“ bedeutet auch, zehn Minuten vor der Futterschüssel abzusitzen, ohne einen Mucks bis die Freigabe zum Fressen ertönt. Das ist nun wirklich die einfachste Übung. Manche Hundehalter sehen sie als Quälerei und Schikane des Hundes, ich sehe es als prima Übung meine Position gegenüber dem Hund zu verdeutlichen. Außerdem soll ein Hund Frustration ertragen können. Je besser er das kann, desto mehr wird er sich in Situationen benehmen, in denen er Frustration ausgesetzt ist. Eigentlich muss ein Hund ständig Frustration ertragen aber das Thema hatten wir ja schon. Bei solchen Grundübungen werde ich niemals grob oder unfair gegenüber einem Tier. Bewegt sich der Hund, verschwindet die Schüssel, ich bitte ihn höflich wieder sich hinzusetzen und zu bleiben. Das Spiel wiederholt sich so lange bis ich die Schüssel laaangsam auf den Boden stellen kann. Dann lasse ich den Hund warten. Erst mal zwei Minuten. Am nächsten Tag fünf. Auch mal 20 Minuten. Na und? Wer diese Übung nicht schafft, ist einfach noch nicht genervt genug von seinem Flohträger.

So geht’s mir auch im Hundetraining. Hundemenschen, die sich rumzerren lassen und dabei noch freundlich lächeln, die sind einfach noch nicht am Ende ihrer Nerven angekommen. Ich arbeite gerne mit Menschen die zu mir kommen und ein dickes Problem haben. Das sind nämlich die, die auch bereit sind, sich endlich mal durchzusetzen. Das sieht von Hund zu Mensch und umgekehrt immer anders aus. Jean Donaldson stellt in ihrem Buch „Verhaltensfragen“ die Frage, ob Hunde simulieren können. Hunde können mit Sicherheit nicht wie wir eine Täuschung planen und „simulieren“, sie können aber durchaus lernen, dass eine bestimmte Handlung, Bewegung Erfolg bringt. So habe ich immer wieder Hunde im Training, die beim leisesten Ermahnen den Schwanz einziehen und Kopf ducken, eine Sekunde später, nachdem man abgelassen hat, aber sofort mit dem Ungewünschten weiter machen. Schlau. Sie haben eben gelernt wie sie sich verhalten müssen wenn es unangenehm wird. Trotzdem machen sie das nicht absichtlich und geplant, Hunde sind keine Menschen und denken auch nicht so… Wobei bei Egoismus Menschen und Hunde doch sehr gleich sind 😉 Auf jeden Fall, wenn man von diesen Hunden eben nicht ablässt und sich durchsetzt, dann kommt die wahre Hundeschnauze hervor. Dann wird gebockt oder gelernt. Oder gelernt und gebockt. Charakterabhängig.

Also Menschen lassen sich von ihrem Hund schon ganz schön an der Nase oder besser gesagt an der Leine rumführen. Ich benutze beispielsweise Leckerli zum Bindungsaufbau und zur Unterstützung des Lernverhaltens, der Lerngeschwindigkeit und der Motivation. Keinesfalls locke ich den Hund in ein gutes Verhalten. Ich bin auch nicht nur streng und Strafen sind eher intuitiv als geplant. Was ich völlig in Ordnung finde. Wie viele Leute erzählen mir dass sie ihren Hund mal packen oder ihm einen Klaps geben. Na, jeder sollte eben seinen eigenen Weg finden mit SEINEM Hund umzugehen, solange er ihn nicht quält oder dem Hund Schmerzen zufügt. Durchsetzen heißt bei dem ein oder anderen hormonell gesteuerten Prolet auch mal im Nacken packen (ohne zu schütteln bitte). Durchsetzen heißt den Hund auch mal zu zwingen „Sitz“ zu machen wenn fünf Schweinebraten vorbei fliegen. Durchsetzen heißt konsequent zu sein. Konsequent mit Liebe, Lob und Strafe.

Ich fand den Satz einer Hundehalterin vor drei Jahren sehr bezeichnend: Zuckerbrot und Peitsche. Ich sollte das jetzt eigentlich nicht schreiben, sagte mir eine Freundin, aber ich finde es im normalen Sinn absolut angemessen. Hundeerziehung besteht nicht nur aus Leckerli und Hampelmann machen sondern auch aus Schimpfen und Strafe (um gleich zu beschwichtigen – in einem tierschutzrechtlichen, fairen Maß). So ist das. Und nicht anders.

Die Hundetrainerin
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2 Gedanken zu „Liebe, Lob und Strafe in der Hundeerziehung

  1. Oh man, warum musst du nur in München wohnen und arbeiten ? Ich lese nun schon seid längerem hier mit und mir gefällt deinen Einstellung sehr. Aber 400 km sind dann doch zuviel Fahrtweg für ne Trainingsstunde. Gruß Roland

  2. Ganz wunderbare Einsichten und Erkenntnisse … ich fühl mich immer wieder an Kindererziehung erinnert. Danke fürs Teilen deiner Erfahrungen! (… Wie gut, dass uns NICHT 400 km trennen :D)

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